Johann Freese starb am 1. September 2025. Das Fundament dafür, dass der Hochwasserschutz im Gebiet des Artlenburger Deichverbandes gut funktionierte und die Deiche bei den vier schweren Jahrhundertfluten seit 2002 gehalten hatten, war zu einem beträchtlichen Teil Johann Freese zu verdanken. Der Artlenburger stand von 1981 bis 2009 als Deichhauptmann an der Spitze des Verbandes. In seiner Amtszeit ertüchtigte der Deichverband seine technische Schlagkraft. Zu Recht, wie die folgenden Jahre zeigten. Denn eines war dem Ehrenvorsitzenden des ADV in seinem Ehrenamt als Deichschützer schnell klar geworden: Die Elbe würde nie Ruhe geben.
Das Vertrauen, das Johann Freese in die Technik und Standfestigkeit der Deiche an der Elbe hatte, war groß. „Selbst beim bisher schwersten Hochwasser im Juni 2013 war ich ruhig", sagte der damals 87-Jährige. Anderen half die Ruhe, die der ehemalige Deichhauptmann in den turbulenten Tagen ausstrahlte. „Beim Befüllen der Sandsäcke am Gasthaus Nienau bei uns in Artlenburg fragten mich viele Helfer besorgt, ob denn die Deiche dem mächtigen Druck standhalten würden. Ich konnte die Leute beruhigen, weil ich die Frage aus Überzeugung bejahte", erzählte er. Johann Freese hatte recht gehabt: Die Deiche hielten.
Geirrt hatte sich der langjährige Verbandsvorsteher und Ehrenvorsitzende in einem anderen Punkt. Von 1991 bis 2009 leitete er 18 Jahre lang als Deichhauptmann die Geschicke des Verbandes; bereits von 1973 bis 1991 war er Stellvertreter seines Vorgängers Otto Hübner gewesen. „Ich hatte gehofft, dass die Deiche in ihrer Höhe so ausreichen würden, wie wir sie zwischen 1974 und 2006 neu gebaut beziehungsweise verstärkt hatten." Das sei jedoch ein Trugschluss gewesen, sagte Johann Freese damals. „Dass das Hochwasser nun immer stärker aufläuft, das hatte ich nicht gedacht." Vielmehr hatte er sich ruhigere Zeiten für den Artlenburger Deichverband gewünscht, nachdem er den Staffelstab 2009 an seinen Nachfolger Hartmut Burmester übergeben hatte. „Die Deichverteidigung ist mittlerweile eine noch größere Herausforderung, als sie es ohnehin schon ist. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss."
Das Fundament dafür, dass der Hochwasserschutz im Gebiet des Artlenburger Deichverbandes auf soliden Füßen stand und der Verband für die vier schweren Jahrhundertfluten seit 2002 gut gerüstet war, war zu einem beträchtlichen Teil während Freeses Amtszeit als Deichhauptmann gelegt worden. In den 1980er- und 1990er-Jahren ertüchtigte der Deichverband seine technische Schlagkraft. Vieles war nicht mehr auf dem neuesten Stand. „In die Jahre gekommene Geräte, Maschinen und Fahrzeuge wurden ersetzt. Wenn uns alte Maschinen versagen, wenn wir sie benötigen, nutzen sie uns bei der Deichpflege und der Deichverteidigung nichts", sagte Johann Freese. Mit dem Kauf neuer Geräte wurden die Pflege und Wartung neu strukturiert beziehungsweise verstärkt. „Ich konnte mein Wissen als Landwirt einbringen. Denn wie im Hochwasserschutz müssen in der Landwirtschaft die Maschinen einwandfrei funktionieren." Damit einher ging, dass neues Personal für die zusätzlichen Aufgaben eingestellt wurde.
Ein Glücksfall sei der Kauf des Grundstückes in Hohnstorf/Elbe in den 1980er-Jahren gewesen, auf dem seither der Betriebshof des Artlenburger Deichverbandes angesiedelt war. „Wir hatten die Möglichkeit, den Hof von einem Pferdebesitzer zu erwerben. Der ehemalige Bauernhof hatte gleich mehrere Vorteile für den Deichverband. Seine Lage direkt an der Elbe und der Bundesstraße 209 ist ideal, weil sie zentral ist. Außerdem gab es eine Reithalle, die wir nach dem Kauf zur Maschinenhalle umrüsteten", erzählte Johann Freese. Zuvor seien Geräte, Maschinen und Fahrzeuge provisorisch auf einem Grundstück in Laßrönne untergebracht gewesen. „Dort standen sie auf einem Hof unter freiem Himmel."
Eine größere Herausforderung als die Modernisierung der technischen Ausstattung war während seiner Amtszeit der Deichbau, der schon in den 1970er-Jahren begonnen hatte. „Es war schwierig, weil wir für die neuen größeren und breiteren Deiche Grundstücke benötigten, die wir zukaufen mussten. Da war sehr viel Verhandlungsgeschick gefragt."
Aber es sei gut gelaufen, lobte Freese die Anwohner an der Elbe im Verbandsgebiet. „Wir hatten zum Glück keinen so harten Brocken wie unser benachbarter Harburger Deichverband mit der Schauspielerin Inge Meysel", berichtete Johann Freese. Zeit ihres Lebens hatte sie gegen einen Deich vor ihrer Villa an der Elbe in Bullenhausen im Kreis Harburg gekämpft. Knapp sieben Jahre nach ihrem Tod wurde 2011 dann doch eine zwei Meter hohe Deichmauer gebaut. „Bei uns hatten die Eigentümer am Deich Verständnis." Obwohl niemand mit dem Landverkauf reich geworden sei.
„Im Deichvorland gab es für den Quadratmeter 80 Pfennige. Unser größter Einzelkauf war auch nur ein Quadratmeter groß", erzählte er schmunzelnd. Teurer wurde es für den Verband hinter dem Deich. „Da lag der Quadratmeterpreis bei zehn bis 20 Mark." Finanziell kostspieliger war es jedoch, den für den Deichbau nötigen Klei und Sand zu kaufen. „Das war schwieriger, weil die Abbauflächen größer waren. Sie wurden noch landwirtschaftlich genutzt."
Nach den vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit für den Deichverband sagte Johann Freese nicht ohne Stolz, dass sich der Einsatz für die Sicherheit der Menschen an der Elbe gelohnt habe. Seine Arbeit für den Verband hatte 1967 als Deichgeschworener begonnen und sich später als Vorstandsmitglied fortgesetzt. „Unser Hochwasserschutz ist vorbildlich und genießt bundesweit hohes Ansehen."
Ein Grund sei, dass sich der Artlenburger Deichverband nicht verschlossen, sondern Informationen und Wissen ausgetauscht habe - zum Beispiel mit der Universität Braunschweig. „Dort wird geforscht, um die Deichsicherheit zu verbessern." So hätten die Forscher Rasen vom Deich für ihre Experimente benötigt. „Also stachen wir Soden aus und brachten sie nach Braunschweig."
Die Wissenschaftler hätten im Gegenzug die Standfestigkeit der Dämme überprüft. „So läuft das. Die Arbeit im Deichverband erfordert Ernsthaftigkeit und Engagement. Nur so larifari wird das nichts." Deshalb sei auch nicht jeder für die Tätigkeit gleichermaßen gut zu gebrauchen, meinte Johann Freese: „Wer beispielsweise als Geschworener die Deichwachen bei Hochwasser einteilen muss, benötigt Organisationstalent, damit die Deichverteidigung funktioniert. Man muss schon bei der Sache sein, so nebenbei hat das keinen Sinn."
Für ihn war stets klar gewesen, dass das Ehrenamt einen rund um die Uhr forderte. „Das ist harte Arbeit und davon gibt es im Hochwasserschutz genug. Das wird oft unterschätzt." Doch die Mühe wurde mit Lob und schönen Momenten belohnt. Höhepunkte für ihn als Verbandsvorsteher waren immer die Einweihungen neuer Deiche gewesen. „Bei uns hier an der Elbe gab es stets viel Anerkennung für das Engagement. Auch von der Politik, wie zum Beispiel vom ehemaligen Lüneburger Landrat Franz Fietz, der uns immer sehr gelobt hat."
Allerdings, so räumte Johann Freese ein, interessierten sich mit jedem Kilometer weiter weg von der Elbe immer weniger Leute für den Artlenburger Deichverband. „Die Menschen haben keinen Berührungspunkt zum Fluss." So sei es auch den meisten Landes- und Bundespolitikern ergangen. Für sie sei die Elbe mit ihrer schlummernden Naturgewalt fern gewesen. Der Katastrophenfall habe sie nur kurz beeindruckt, bevor ein Jahrhunderthochwasser im Alltagsgeschäft keine Rolle mehr gespielt habe und wieder vergessen worden sei.
Anders sei es bei der Jahrhundertflut 2002 dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel (SPD) ergangen, erzählte Johann Freese. „Ihm und der damaligen Lüneburger Regierungspräsidentin Ulrike Wolff-Gebhardt habe ich 2002 den enormen Sandsack-Riegel zwischen Artlenburg und Avendorf gezeigt, der das Abrutschen des alten Sanddeiches verhindern sollte." Gabriel war so beeindruckt gewesen, dass er Geld für einen Deichneubau versprochen hatte. „Er hat Wort gehalten. Die Zusage für das Projekt kam postwendend."
Geld gespart hatte der Deichverband ebenfalls durch die Einsicht von Politikern. Die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein hätten Freese zufolge bei der Elbvertiefung 2002 die Kosten für die Unterhaltung der Schardeiche flussabwärts hinter der Staustufe Geesthacht übernommen. Der Wert betrug 5,5 Millionen Euro. Ein Schardeich war ein Schutzdamm, der direkt am Fluss lag, ohne schützendes Vorland. Dadurch bedurfte der Deichfuß auf der Wasserseite besonderer Sicherheit, etwa durch aufgeschichtete Steine, wie es im Tidebereich der Elbe der Fall war.
Johann Freese hatte in all den Jahren als Deichschützer gelernt, dass die Elbe nie Ruhe geben würde. „Ich wünsche dem Deichverband, dass er in Zukunft trotzdem nicht mehr gegen so enorme Hochwasser zu kämpfen hat wie zuletzt." Auch hoffte er, dass die Deiche fest stehen bleiben und nicht überspült werden würden. Wichtig sei es, dass die gute Zusammenarbeit im Vorstand so bliebe wie bisher, denn sie sei ein sehr wichtiger Grundstein dafür, dass der Schutz vor dem Hochwasser an der Elbe erfolgreich gelinge. „Dazu gehört auch die enge Kooperation mit dem Geschäftsführer, die mit Norbert Thiemann stets vorbildlich war, und dazu beigetragen hat, dass wir moderne und stabile Deiche haben", betonte der Artlenburger rückblickend.